23. Jahrestagung DFGS

Unter dem Motto „Gehörlose und Schwerhörige mit besonderen Herausforderungen“ fand der 23. Jahrestag des Deutschen Fachverbandes für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik e.V. am 25. und 26.11.2016 in Hannover statt.

 Vortrag Prof. HintermairProfessor Doktor Hintermair hielt den ersten Vortrag zum Thema „Familien mit Hörgeschädigten Kindern mit besonderen Bedürfnissen“. Er führte eine kleine qualitative Studie durch, in der Eltern mit hörgeschädigten Kindern und zusätzlichen Problemen in ihrer geistigen Entwicklung, interviewt wurden. Hierbei unterschied er zwischen der Auseinandersetzung der Eltern im Bereich der konkreten Lebensgestaltung und den Herausforderungen, die sich in den sozialen Netzwerken der Familien ergeben. Als Konsequenzen für die Praxis der Fachleute stellte er heraus, dass es sehr wichtig ist die Familie im Kontext ihrer realen Lebenssituation wahrzunehmen sowie die familiären und sozialen Beziehungen, wie auch die personalen Ressourcen der Eltern zu stärken. Von vorgegebenen Förderprogrammen und einer reinen Kindorientierung ist abzusehen. Vielmehr sollte die Familienorientierung im Vordergrund stehen sowie die Förderung des subjektiven Wohlbefindens. Der Wunsch der Eltern nach einer zentralen Informations- und Koordinationsstelle kam auf. Eine entsprechende Homepage wurde hierzu angelegt, die Pflege und Aktualisierung dieser stellt sich allerdings als sehr zeitaufwendig und personell herausfordernd da. Aus diesem Grund liegt die Homepage momentan leider brach.

Katinka Trauth (Universität Köln) hielt einen Vortrag zur frühen Interaktion und Kommunikation hörgeschädigter Kinder mit komplexer Behinderung. Sie zeigte auf, dass die frühen Interaktions- und Kommunikationserfahrungen für den kindlichen Spracherwerb und die Gesamtentwicklung des Kindes eine grundlegende Bedeutung haben. Gerade bei hochgradig hörgeschädigten Kindern mit Mehrfachbehinderungen ist die frühe Entwicklungsphase mit besonderen Herausforderungen verbunden. Aufgrund der Vielseitigkeit dieser Kinder ist ein einheitliches Konzept zu den frühen Interaktions- und Kommunikationserfahrungen nicht möglich. Vielmehr sollte das einzelne Kind hinsichtlich seines (Kommunikations-)Verhaltens genau betrachten und analysiert werden, um entsprechende individuelle Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

VergleichEinen sehr informativen und interessanten Workshop hielt Özlem Önder aus der Kinderklinik Datteln zum Thema „Familie mit türkischem Migrationshintergrund im (Sonder-) Pädagogischen Kontext“. Sie veranschaulichte mit der nebenstehenden Abbildung die kulturellen Unterschiede zwischen der Türkei und Deutschland.

In der Türkei wird eher nach dem Kollektivismus gelebt, die Identität ist in der Gruppe begründet. Lernen geschieht in der Regel durch Nachahmung, der wichtigste Aspekt ist die Zugehörigkeit zur Gruppe und der Verlust der Gruppenehre stellt eine große Schande dar. In Deutschland gilt der Individualismus, die Identität ist im Individuum begründet. Lernen geschieht durch Erklärung und das Einzelinteresse sowie die Selbstständigkeit stehen im Vordergrund. Die Selbstwirksamkeit steht somit dem Schutz / der Dynamik der Gruppe gegenüber. Die Sonderschule und die Hörschädigung ist daher für viele türkische Familien eine Katastrophe, denn ihr Kind fällt hiermit aus dem Raster. Ebenso haben sie den Anspruch an die Ärzte und Lehrer, alles wieder „in Ordnung“ zu bringen und sehen sich selber nicht in der Verantwortung mit dem Kind zu arbeiten. Wichtig ist es an dieser Stelle zu erklären, dass man zwar das know how hat und den Familien genau zeigen kann, was zum Wohl des Kindes zu tun ist, dass aber eine Zusammenarbeit wichtig ist.

Der Abschlussvortrag wurde von Melanie Drewke und Sebastian Wegerhoff gehalten. Beide haben das Usher-Syndrom, eine genetisch bedingte und rezessiv vererbbare Kombination von angeborener Hörschädigung und dem bis zur Blindheit fortschreitenden Verlust des Augenlichtes durch Retinitis Pigmentosa (RP). Sie berichteten über ihre Erfahrungen und die Auswirkungen ihrer Hörsehbehinderung in den schulischen und beruflichen Bereichen. So ist es für einen Betroffenen, z.B. hilfreich in der Schule im Stuhlkreis außen zu sitzen, bei Präsentationen einen schwarzen Hintergrund mit weißer Schrift angeboten zu bekommen oder Arbeitsblätter in einer entsprechend größeren Schrift zu erhalten. Sie stellten heraus, dass das Usher-Syndrom eine eigenständige Behinderungsform ist und nicht mit einer Hörschädigung an sich oder eine Sehstörung zu vergleichen ist. Es gibt in diesem Bereich noch viele Hürden zu überwinden, um das Leben der Betroffenen zu erleichtern und Teilhabe zu ermöglichen.

Einen herzlichen Dank an Doktor Paul Heeg, dem 1. Vorsitzenden des DFGS und seinem Team für die gelungene Ausrichtung der Jahrestagung!

Claudia Bielefeld